Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?
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Als der Vater der amerikanischen Cultural Anthropology gilt heute Franz Boas, gebürtiger Deutscher. Er lebte von 1858 bis 1942 und stammte aus einer jüdischen Familie. Nach seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung in Deutschland (Physik, später dann Geographie [1]) und seinem kurzen Anthropologie-Studium [2:14] lebte er von 1883 bis 1884 bei den Zentraleskimos in Baffinland [3:47]. 1899 nahm er einen Lehrstuhl an der Columbia University in New York an. Intensive Feldforschungen betrieb er bei den Kwakiutl in Nordamerika.
Boas stellte sich die Frage: „Weshalb gibt es auf der Welt diese Fülle unterschiedlicher Kulturen, und wie sind die Unterschiede entstanden?“ [3:47] Dies versuchte er mit Hilfe des 4-field-approachs herauszufinden, der die cultural, die linguistic, die archaeological und die physical/biological anthropology beinhaltet [4:258]. Nach diesem Schema wird in den USA auch heute noch Kultur- und Sozialanthropologie gelehrt.
Außerdem sprach sich Boas stark dafür aus, dass keine armchair-Anthropologie betrieben wird, sondern empirische Daten mit Hilfe von Feldforschung erhoben werden.
Der Denkansatz Boas’ war der historische Partikularismus bzw. der Kulturrelativismus. Dies bedeutet, „dass es notwendig ist, Kulturen in ihren eigenen Begriffen und ihren eigenen historischen Kontexten zu verstehen, bevor man Verallgemeinerungen aufstellt“ [4:264]. Dementsprechend können kulturelle Phänomene nur in ihrem eigenen Kontext verstanden, beurteilt und betrachtet werden (emische Sichtweise) [5]. Im Gegensatz zum bis dahin vorherrschenden Evolutionismus, der Kulturen in verschiedene Entwicklungsstufen einteilt (die euroamerikanische Gesellschaft stellt dabei die höchstentwickelte dar), betrachtet der historische Partikularismus jede Kultur als Ergebnis einer eigenständigen historischen Entwicklung [3:47].
Kulturrelativismus kann schwach oder stark sein. Bei Boas variierte dies. Beim starken Kulturrelativismus ist die Bedeutung der Besonderheiten einer jeden Gesellschaft so groß, dass eine nicht mit einer anderen verglichen werden kann. Der schwache Kulturrelativismus sieht zwar ebenso die Besonderheiten einer Kultur, jedoch durchaus auch Gemeinsamkeiten mit manch anderer. (Universalisten hingegen interessieren sich nur für Gemeinsamkeiten.) Boas’ Nachfolger entwickelten den Kulturrelativismus weiter und verfestigten ihn – manche den schwachen, andere den starken. [1]
Die erste Generation der Schüler Boas’ (die vor dem Ersten Weltkrieg gelehrt wurde) baute vor allem auf Boas’ historischen Interessen auf. Bei der zweiten Generation wurde das andere wichtige, nämlich das psychologische Thema Boas’ weiterentwickelt. Eine dritte Generation kombinierte beides. [4:262ff]
Boas und die erste Generation richteten Institutionen im ganzen Land ein, so beispielsweise das AAA (American Anthropological Association) 1902. Darunter waren Lowie, Leslie Spier, Herskovits, Wissler, Speck, außerdem Kroeber, Sapir und Radin. [4:263]
Alfred Kroeber (1876 – 1960) war Vertreter des starken Kulturrelativismus. Er beschäftigte sich ausgiebig mit der Psychoanalyse und interessierte sich für kulturelle Formen, kulturelle Kreativität und Zusammenhänge von patterns. Er ging noch weiter als Boas und begründete den Kulturdeterminismus: 1917 veröffentlichte er „The Superorganic“, worin er die absolute Unabhängigkeit des Kulturellen vom Organischen abhandelte. Dies führte zu heftigen Diskussionen. [4:264ff]
Einer der ersten, der sich mit Sprache im Zusammenhang mit Ethnologie
beschäftigten, war Edward Sapir (1884 – 1939). Zusammen mit seinem Schüler Benjamin Whorf entwarf er die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese, welche besagt, dass nicht wir mit unserer Sprache entwerfen wie die Wirklichkeit auszusehen hat, sondern umgekehrt, dass wir durch unsere Sprache die Welt wahrnehmen. Die Sprache prägt also unser Denken und das Denken die Wirklichkeit (linguistische Relativitätstheorie). Diese Theorie beachtet allerdings nicht, dass zum Beispiel viele Menschen zweisprachig aufwachsen oder dass Kleinkinder auch schon wahrnehmen und erkennen können, wenn sie noch nicht sprechen gelernt haben. [1]
Boas’ Schüler der zweiten Generation waren Vertreter der culture-and-personality-school mit besonderem Fokus auf das wechselseitige Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Zu ihnen zählten Ralph Linton, Irving Hallowell, Clyde Kluckhohn, vor allem aber Ruth Benedict und Margaret Mead. Die Ethnographie in den 1920er Jahren war sehr romantisch, betont wurden Stimmigkeit und Gemeinschaft. Auch hatten zu dieser Zeit erstmals verstärkt Frauen [4:267ff]
Ruth Benedict (1887 - 1948) bot den USA an, Charakterstudien der Gegner
zu machen, um sie besser besiegen zu können (Boas riet seinen Schülern dazu, die Anthropologie für Zwecke des Krieges einzusetzen!). So schrieb sie 1946 eines der meistverkauften Werke des Faches: „The Chrysanthemum and the Sword - Patterns of Japanese Culture“. [1] Sie “sucht […] nach Mustern (cultural patterns), die der Erziehung zugrunde liegen und einen bestimmten Charaktertyp ausbilden“ [3:47]. Sapir’s Sicht auf Kultur und Individuum hatte Einfluss auf Benedict, wenngleich auch er mehr das Individuum betonte, sie aber Kultur [4:268].
Margaret Mead (1901 – 1978) war Assistentin Benedicts. Sie kritisierte die USA hinsichtlich ihrer Einstellung zu Jugend – Sexualität – Frauen [1]. Mit ihren Arbeiten prägte sie stark die öffentliche Meinung in den 1960ern und 1970ern [3:47], auch weil sie versuchte, ihre Werke einer möglichst breiten Masse verständlich zu machen [1]. Dazu trug ihr Buch „Coming of Age in Samoa“ wesentlich bei, eine vergleichende Studie über Mädchen und junge Frauen in Samoa (Feldforschung 1926). So stellte sie fest, dass es in jeder Kultur einige Grundtemperamente gibt, diese aber sehr unterschiedlich ausgeprägt sind [3:47].
Mead wurde weltberühmt als sie 1939 Feldforschungen in Neuguinea betrieb, und aus den Ergebnissen hervorging, dass die uns bekannten Geschlechterrollen nicht genetisch veranlagt sind, sondern kulturell bestimmt werden. Damit brachte sie neue Denkanstöße für die gesamten Sozialwissenschaften [5].
Die Vertreter der dritten Generation von Boas, dies waren Lewis, Mishkin, Richardson, Lesser, Weltfish, Goldman, Bunzel und Goldfrank, waren politisch engagierter als ihre Vorgänger. Vor allem die beiden letztgenannten kritisierten die romantischen und harmonischen Darstellungen der Ethnographie der 1920er Jahre. [4:270]
Ralph Linton (1893 – 1953) (der kein Schüler Boas war), nahm das
culture-and-personality-Konzept auf und führte es in eine neue Richtung. Er organisierte Seminare mit einem Psychoanalytiker, in denen von ihren Feldforschungen zurückgekehrte Anthropologen ihre gesammelten Daten präsentierten, um dann Schlussfolgerungen über die Kultur zu ziehen. [4:273]
Kulturrelativismus wird heute kritisiert, da er beispielsweise die Menschenrechte ablehnt, da diese ein Produkt westlichen Denkens sind, „und daher auch von Muslimen begangene Menschenrechtsverletzungen nicht angeprangert werden dürften, weil dies "rassistisch", "ethnozentrisch" und "eurozentrisch" sei“. [5]
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[1] meine Mitschrift der Vorlesung von André Gingrich vom 9.11.2005
[2] Eriksen, Thomas H.: Small Places, Large Issues, 2nd Edition, Pluto Press 1995, 2001
[3] Haller, Dieter: dtv-Atlas Ethnologie, Deutscher Taschenbuchverlag 2005
[4] Barth, Frederic; Gingrich, Andre; Parkin, Robert; Silverman, Sydel: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. The Halle Lectures. Chicago: University of Chicago Press. 2005.
[5] www.wikipedia.at
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Als der Vater der amerikanischen Cultural Anthropology gilt heute Franz Boas, gebürtiger Deutscher. Er lebte von 1858 bis 1942 und stammte aus einer jüdischen Familie. Nach seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung in Deutschland (Physik, später dann Geographie [1]) und seinem kurzen Anthropologie-Studium [2:14] lebte er von 1883 bis 1884 bei den Zentraleskimos in Baffinland [3:47]. 1899 nahm er einen Lehrstuhl an der Columbia University in New York an. Intensive Feldforschungen betrieb er bei den Kwakiutl in Nordamerika.
Boas stellte sich die Frage: „Weshalb gibt es auf der Welt diese Fülle unterschiedlicher Kulturen, und wie sind die Unterschiede entstanden?“ [3:47] Dies versuchte er mit Hilfe des 4-field-approachs herauszufinden, der die cultural, die linguistic, die archaeological und die physical/biological anthropology beinhaltet [4:258]. Nach diesem Schema wird in den USA auch heute noch Kultur- und Sozialanthropologie gelehrt.Außerdem sprach sich Boas stark dafür aus, dass keine armchair-Anthropologie betrieben wird, sondern empirische Daten mit Hilfe von Feldforschung erhoben werden.
Der Denkansatz Boas’ war der historische Partikularismus bzw. der Kulturrelativismus. Dies bedeutet, „dass es notwendig ist, Kulturen in ihren eigenen Begriffen und ihren eigenen historischen Kontexten zu verstehen, bevor man Verallgemeinerungen aufstellt“ [4:264]. Dementsprechend können kulturelle Phänomene nur in ihrem eigenen Kontext verstanden, beurteilt und betrachtet werden (emische Sichtweise) [5]. Im Gegensatz zum bis dahin vorherrschenden Evolutionismus, der Kulturen in verschiedene Entwicklungsstufen einteilt (die euroamerikanische Gesellschaft stellt dabei die höchstentwickelte dar), betrachtet der historische Partikularismus jede Kultur als Ergebnis einer eigenständigen historischen Entwicklung [3:47].
Kulturrelativismus kann schwach oder stark sein. Bei Boas variierte dies. Beim starken Kulturrelativismus ist die Bedeutung der Besonderheiten einer jeden Gesellschaft so groß, dass eine nicht mit einer anderen verglichen werden kann. Der schwache Kulturrelativismus sieht zwar ebenso die Besonderheiten einer Kultur, jedoch durchaus auch Gemeinsamkeiten mit manch anderer. (Universalisten hingegen interessieren sich nur für Gemeinsamkeiten.) Boas’ Nachfolger entwickelten den Kulturrelativismus weiter und verfestigten ihn – manche den schwachen, andere den starken. [1]
Die erste Generation der Schüler Boas’ (die vor dem Ersten Weltkrieg gelehrt wurde) baute vor allem auf Boas’ historischen Interessen auf. Bei der zweiten Generation wurde das andere wichtige, nämlich das psychologische Thema Boas’ weiterentwickelt. Eine dritte Generation kombinierte beides. [4:262ff]
Boas und die erste Generation richteten Institutionen im ganzen Land ein, so beispielsweise das AAA (American Anthropological Association) 1902. Darunter waren Lowie, Leslie Spier, Herskovits, Wissler, Speck, außerdem Kroeber, Sapir und Radin. [4:263]
Alfred Kroeber (1876 – 1960) war Vertreter des starken Kulturrelativismus. Er beschäftigte sich ausgiebig mit der Psychoanalyse und interessierte sich für kulturelle Formen, kulturelle Kreativität und Zusammenhänge von patterns. Er ging noch weiter als Boas und begründete den Kulturdeterminismus: 1917 veröffentlichte er „The Superorganic“, worin er die absolute Unabhängigkeit des Kulturellen vom Organischen abhandelte. Dies führte zu heftigen Diskussionen. [4:264ff]Einer der ersten, der sich mit Sprache im Zusammenhang mit Ethnologie
beschäftigten, war Edward Sapir (1884 – 1939). Zusammen mit seinem Schüler Benjamin Whorf entwarf er die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese, welche besagt, dass nicht wir mit unserer Sprache entwerfen wie die Wirklichkeit auszusehen hat, sondern umgekehrt, dass wir durch unsere Sprache die Welt wahrnehmen. Die Sprache prägt also unser Denken und das Denken die Wirklichkeit (linguistische Relativitätstheorie). Diese Theorie beachtet allerdings nicht, dass zum Beispiel viele Menschen zweisprachig aufwachsen oder dass Kleinkinder auch schon wahrnehmen und erkennen können, wenn sie noch nicht sprechen gelernt haben. [1]Boas’ Schüler der zweiten Generation waren Vertreter der culture-and-personality-school mit besonderem Fokus auf das wechselseitige Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Zu ihnen zählten Ralph Linton, Irving Hallowell, Clyde Kluckhohn, vor allem aber Ruth Benedict und Margaret Mead. Die Ethnographie in den 1920er Jahren war sehr romantisch, betont wurden Stimmigkeit und Gemeinschaft. Auch hatten zu dieser Zeit erstmals verstärkt Frauen [4:267ff]
Ruth Benedict (1887 - 1948) bot den USA an, Charakterstudien der Gegner
zu machen, um sie besser besiegen zu können (Boas riet seinen Schülern dazu, die Anthropologie für Zwecke des Krieges einzusetzen!). So schrieb sie 1946 eines der meistverkauften Werke des Faches: „The Chrysanthemum and the Sword - Patterns of Japanese Culture“. [1] Sie “sucht […] nach Mustern (cultural patterns), die der Erziehung zugrunde liegen und einen bestimmten Charaktertyp ausbilden“ [3:47]. Sapir’s Sicht auf Kultur und Individuum hatte Einfluss auf Benedict, wenngleich auch er mehr das Individuum betonte, sie aber Kultur [4:268].
Margaret Mead (1901 – 1978) war Assistentin Benedicts. Sie kritisierte die USA hinsichtlich ihrer Einstellung zu Jugend – Sexualität – Frauen [1]. Mit ihren Arbeiten prägte sie stark die öffentliche Meinung in den 1960ern und 1970ern [3:47], auch weil sie versuchte, ihre Werke einer möglichst breiten Masse verständlich zu machen [1]. Dazu trug ihr Buch „Coming of Age in Samoa“ wesentlich bei, eine vergleichende Studie über Mädchen und junge Frauen in Samoa (Feldforschung 1926). So stellte sie fest, dass es in jeder Kultur einige Grundtemperamente gibt, diese aber sehr unterschiedlich ausgeprägt sind [3:47].Mead wurde weltberühmt als sie 1939 Feldforschungen in Neuguinea betrieb, und aus den Ergebnissen hervorging, dass die uns bekannten Geschlechterrollen nicht genetisch veranlagt sind, sondern kulturell bestimmt werden. Damit brachte sie neue Denkanstöße für die gesamten Sozialwissenschaften [5].
Die Vertreter der dritten Generation von Boas, dies waren Lewis, Mishkin, Richardson, Lesser, Weltfish, Goldman, Bunzel und Goldfrank, waren politisch engagierter als ihre Vorgänger. Vor allem die beiden letztgenannten kritisierten die romantischen und harmonischen Darstellungen der Ethnographie der 1920er Jahre. [4:270]
Ralph Linton (1893 – 1953) (der kein Schüler Boas war), nahm das
culture-and-personality-Konzept auf und führte es in eine neue Richtung. Er organisierte Seminare mit einem Psychoanalytiker, in denen von ihren Feldforschungen zurückgekehrte Anthropologen ihre gesammelten Daten präsentierten, um dann Schlussfolgerungen über die Kultur zu ziehen. [4:273]Kulturrelativismus wird heute kritisiert, da er beispielsweise die Menschenrechte ablehnt, da diese ein Produkt westlichen Denkens sind, „und daher auch von Muslimen begangene Menschenrechtsverletzungen nicht angeprangert werden dürften, weil dies "rassistisch", "ethnozentrisch" und "eurozentrisch" sei“. [5]
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[1] meine Mitschrift der Vorlesung von André Gingrich vom 9.11.2005
[2] Eriksen, Thomas H.: Small Places, Large Issues, 2nd Edition, Pluto Press 1995, 2001
[3] Haller, Dieter: dtv-Atlas Ethnologie, Deutscher Taschenbuchverlag 2005
[4] Barth, Frederic; Gingrich, Andre; Parkin, Robert; Silverman, Sydel: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. The Halle Lectures. Chicago: University of Chicago Press. 2005.
[5] www.wikipedia.at



