Geschichte der KSA - Tutorium

Freitag, Jänner 13, 2006

Boas und Nachfolger

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?
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Als der Vater der amerikanischen Cultural Anthropology gilt heute Franz Boas, gebürtiger Deutscher. Er lebte von 1858 bis 1942 und stammte aus einer jüdischen Familie. Nach seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung in Deutschland (Physik, später dann Geographie [1]) und seinem kurzen Anthropologie-Studium [2:14] lebte er von 1883 bis 1884 bei den Zentraleskimos in Baffinland [3:47]. 1899 nahm er einen Lehrstuhl an der Columbia University in New York an. Intensive Feldforschungen betrieb er bei den Kwakiutl in Nordamerika.
Boas stellte sich die Frage: „Weshalb gibt es auf der Welt diese Fülle unterschiedlicher Kulturen, und wie sind die Unterschiede entstanden?“ [3:47] Dies versuchte er mit Hilfe des 4-field-approachs herauszufinden, der die cultural, die linguistic, die archaeological und die physical/biological anthropology beinhaltet [4:258]. Nach diesem Schema wird in den USA auch heute noch Kultur- und Sozialanthropologie gelehrt.
Außerdem sprach sich Boas stark dafür aus, dass keine armchair-Anthropologie betrieben wird, sondern empirische Daten mit Hilfe von Feldforschung erhoben werden.

Der Denkansatz Boas’ war der historische Partikularismus bzw. der Kulturrelativismus. Dies bedeutet, „dass es notwendig ist, Kulturen in ihren eigenen Begriffen und ihren eigenen historischen Kontexten zu verstehen, bevor man Verallgemeinerungen aufstellt“ [4:264]. Dementsprechend können kulturelle Phänomene nur in ihrem eigenen Kontext verstanden, beurteilt und betrachtet werden (emische Sichtweise) [5]. Im Gegensatz zum bis dahin vorherrschenden Evolutionismus, der Kulturen in verschiedene Entwicklungsstufen einteilt (die euroamerikanische Gesellschaft stellt dabei die höchstentwickelte dar), betrachtet der historische Partikularismus jede Kultur als Ergebnis einer eigenständigen historischen Entwicklung [3:47].

Kulturrelativismus kann schwach oder stark sein. Bei Boas variierte dies. Beim starken Kulturrelativismus ist die Bedeutung der Besonderheiten einer jeden Gesellschaft so groß, dass eine nicht mit einer anderen verglichen werden kann. Der schwache Kulturrelativismus sieht zwar ebenso die Besonderheiten einer Kultur, jedoch durchaus auch Gemeinsamkeiten mit manch anderer. (Universalisten hingegen interessieren sich nur für Gemeinsamkeiten.) Boas’ Nachfolger entwickelten den Kulturrelativismus weiter und verfestigten ihn – manche den schwachen, andere den starken. [1]

Die erste Generation der Schüler Boas’ (die vor dem Ersten Weltkrieg gelehrt wurde) baute vor allem auf Boas’ historischen Interessen auf. Bei der zweiten Generation wurde das andere wichtige, nämlich das psychologische Thema Boas’ weiterentwickelt. Eine dritte Generation kombinierte beides. [4:262ff]

Boas und die erste Generation richteten Institutionen im ganzen Land ein, so beispielsweise das AAA (American Anthropological Association) 1902. Darunter waren Lowie, Leslie Spier, Herskovits, Wissler, Speck, außerdem Kroeber, Sapir und Radin. [4:263]

Alfred Kroeber (1876 – 1960) war Vertreter des starken Kulturrelativismus. Er beschäftigte sich ausgiebig mit der Psychoanalyse und interessierte sich für kulturelle Formen, kulturelle Kreativität und Zusammenhänge von patterns. Er ging noch weiter als Boas und begründete den Kulturdeterminismus: 1917 veröffentlichte er „The Superorganic“, worin er die absolute Unabhängigkeit des Kulturellen vom Organischen abhandelte. Dies führte zu heftigen Diskussionen. [4:264ff]

Einer der ersten, der sich mit Sprache im Zusammenhang mit Ethnologie beschäftigten, war Edward Sapir (1884 – 1939). Zusammen mit seinem Schüler Benjamin Whorf entwarf er die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese, welche besagt, dass nicht wir mit unserer Sprache entwerfen wie die Wirklichkeit auszusehen hat, sondern umgekehrt, dass wir durch unsere Sprache die Welt wahrnehmen. Die Sprache prägt also unser Denken und das Denken die Wirklichkeit (linguistische Relativitätstheorie). Diese Theorie beachtet allerdings nicht, dass zum Beispiel viele Menschen zweisprachig aufwachsen oder dass Kleinkinder auch schon wahrnehmen und erkennen können, wenn sie noch nicht sprechen gelernt haben. [1]

Boas’ Schüler der zweiten Generation waren Vertreter der culture-and-personality-school mit besonderem Fokus auf das wechselseitige Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Zu ihnen zählten Ralph Linton, Irving Hallowell, Clyde Kluckhohn, vor allem aber Ruth Benedict und Margaret Mead. Die Ethnographie in den 1920er Jahren war sehr romantisch, betont wurden Stimmigkeit und Gemeinschaft. Auch hatten zu dieser Zeit erstmals verstärkt Frauen [4:267ff]

Ruth Benedict (1887 - 1948) bot den USA an, Charakterstudien der Gegner zu machen, um sie besser besiegen zu können (Boas riet seinen Schülern dazu, die Anthropologie für Zwecke des Krieges einzusetzen!). So schrieb sie 1946 eines der meistverkauften Werke des Faches: „The Chrysanthemum and the Sword - Patterns of Japanese Culture“. [1] Sie “sucht […] nach Mustern (cultural patterns), die der Erziehung zugrunde liegen und einen bestimmten Charaktertyp ausbilden“ [3:47]. Sapir’s Sicht auf Kultur und Individuum hatte Einfluss auf Benedict, wenngleich auch er mehr das Individuum betonte, sie aber Kultur [4:268].

Margaret Mead (1901 – 1978) war Assistentin Benedicts. Sie kritisierte die USA hinsichtlich ihrer Einstellung zu Jugend – Sexualität – Frauen [1]. Mit ihren Arbeiten prägte sie stark die öffentliche Meinung in den 1960ern und 1970ern [3:47], auch weil sie versuchte, ihre Werke einer möglichst breiten Masse verständlich zu machen [1]. Dazu trug ihr Buch „Coming of Age in Samoa“ wesentlich bei, eine vergleichende Studie über Mädchen und junge Frauen in Samoa (Feldforschung 1926). So stellte sie fest, dass es in jeder Kultur einige Grundtemperamente gibt, diese aber sehr unterschiedlich ausgeprägt sind [3:47].
Mead wurde weltberühmt als sie 1939 Feldforschungen in Neuguinea betrieb, und aus den Ergebnissen hervorging, dass die uns bekannten Geschlechterrollen nicht genetisch veranlagt sind, sondern kulturell bestimmt werden. Damit brachte sie neue Denkanstöße für die gesamten Sozialwissenschaften [5].

Die Vertreter der dritten Generation von Boas, dies waren Lewis, Mishkin, Richardson, Lesser, Weltfish, Goldman, Bunzel und Goldfrank, waren politisch engagierter als ihre Vorgänger. Vor allem die beiden letztgenannten kritisierten die romantischen und harmonischen Darstellungen der Ethnographie der 1920er Jahre. [4:270]

Ralph Linton (1893 – 1953) (der kein Schüler Boas war), nahm das culture-and-personality-Konzept auf und führte es in eine neue Richtung. Er organisierte Seminare mit einem Psychoanalytiker, in denen von ihren Feldforschungen zurückgekehrte Anthropologen ihre gesammelten Daten präsentierten, um dann Schlussfolgerungen über die Kultur zu ziehen. [4:273]

Kulturrelativismus wird heute kritisiert, da er beispielsweise die Menschenrechte ablehnt, da diese ein Produkt westlichen Denkens sind, „und daher auch von Muslimen begangene Menschenrechtsverletzungen nicht angeprangert werden dürften, weil dies "rassistisch", "ethnozentrisch" und "eurozentrisch" sei“. [5]
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[1] meine Mitschrift der Vorlesung von André Gingrich vom 9.11.2005
[2] Eriksen, Thomas H.: Small Places, Large Issues, 2nd Edition, Pluto Press 1995, 2001
[3] Haller, Dieter: dtv-Atlas Ethnologie, Deutscher Taschenbuchverlag 2005
[4] Barth, Frederic; Gingrich, Andre; Parkin, Robert; Silverman, Sydel: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. The Halle Lectures. Chicago: University of Chicago Press. 2005.
[5] www.wikipedia.at

Donnerstag, November 24, 2005

Émile Durkheim


Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?
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David Émile Durkheim wurde am 15. April 1858 in Épinal, Frankreich, geboren. Als Sohn eines Rabbiners genoss er eine sehr religiöse Erziehung. Später jedoch, in seiner Jugend, wendete er sich vom Judentum ab. Nach seiner Ausbildung an der Ecole Normale Supérieure unterrichtete er an verschiedenen Gymnasien Philosophie. 1885 folgte ein einjähriger Studienaufenthalt in Deutschland, um sich in Pädagogik und Soziologie fortzubilden. Diese Fächer unterrichtete er, wieder zurück in Frankreich, bis ins Jahr 1902 an der Universität in Bordeaux. Anschließend nahm Durkheim einen Lehrauftrag an der Sorbonne-Universität an, wo er bis zum Ende seiner Laufbahn auch blieb.

Während seiner Zeit in Bordeaux gründete er 1896 die für seine Zeiten sehr revolutionäre Zeitschrift Année Sociologique, in welcher allsonntäglich Artikel zu Themen wie zum Beispiel Religion, Familie, Totemismus, Selbstmord, Solidarität oder Sozialismus veröffentlicht wurden.

Am 15. November 1917 starb Durkheim in Paris auf Grund eines Schlaganfalls.

Heute gilt er als einer der Begründer der Soziologie, ist aber auch eine bedeutende Persönlichkeit in der Kultur- und Sozialanthropologie. Er war allerdings ein „armchair anthropologist“, hat sich also nie selbst auf Feldforschung begeben. Er beschäftigte sich ausgiebig mit Religion und dem Zusammenhangs zwischen Individuum und Gesellschaft. Durkheim ist der Begründer des Funktionalismus.

Er setzte sich viel mit der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft auseinander, und dessen Kollektivbewusstsein. „Dieses wird von den Individuen erzeugt, übt aber auf diese durch seine normativen Verpflichtungen und Sanktionen einen überindividuellen sozialen Zwang aus.“ ([5] 55)
Eines seiner bedeutendsten Werke, besonders für die Kultur- und Sozialanthropologie, stellt heute seine Dissertation aus dem Jahre 1893 dar: „De la division du travail social“ – „Über die Teilung der sozialen Arbeit“. In dieser („This is perhaps the most obviously functionalist of all Durkheim’s major works,...“ [1] 179) setzt er sich damit auseinander, wie eine Masse von Individuen eine Gesellschaft sein kann. Die Antwort liegt für ihn in der Arbeitsteilung. Er stellt fest, dass es diese sowohl in traditionellen als auch in modernen Gesellschaften gibt, allerdings in unterschiedlichem Maße:
In modernen Gesellschaften tritt ein hoher Grad an Arbeitsteilung auf. Da hier die Menschen spezialisiert sind und Produkte nicht selbst zum Eigenverbrauch produzieren, herrscht eine große Abhängigkeit von anderen („...they are all necessary to the functioning of the whole.“ [1] 179), und somit automatisch ein Zusammenhalt. Dies nennt Durkheim „organische Solidarität“.
Die „mechanische Solidarität“ finden wir in den traditionellen Gesellschaften. Hier sind die Menschen Selbstversorger. Der Zusammenhalt wird durch verschiedene Gemeinsamkeiten gefestigt: alle haben die gleiche Arbeit (Bauern), haben eine gemeinsame Geschichte und damit eine gemeinsame Identität. Existiert eine Gruppe nicht mehr, hat dies keine Auswirkungen auf die Gesellschaft.


Durkheim’s Hauptinteresse, vor allem in seinen späteren Jahren, gilt der Religion. Religion ist für ihn das, was Menschen ausarbeiten, um ihre nichtalltäglichen Erlebnisse zu formulieren, jedoch mit Bildern aus dem Alltagsleben [3]. Er unterscheidet zwischen dem Sakralen und dem Profanen. Das Sakrale stellt er gleich mit der sozialen Ideologie, ja sogar mit der Gesellschaft selbst als Verkörperung ihres Wertesystems. Das Profane ist ein Ausdruck für soziale Werte. Das Sakrale wird durch das Profane bedroht. Gott sieht er als Repräsentation der Gesellschaft in symbolischer Form. Religion hat laut Durkheim vier Merkmale: sie ist zwingend (Drohung mit Sanktionen), generell (bringt verschiedene Individuen zusammen), traditionell (existiert vor dem Individuum und überlebt dieses) und sie ist extern des Individuums (und kann sich so nach dem Individuum richten).
Der Glaube und das Praktizieren der Religion drücken die Werte der Gesellschaft aus. Hilfsmittel dazu („collective representations“) sind Normen, Symbole, Mythen, Werte. Diese werden jedoch nicht willkürlich angewendet, sondern nur bei speziellen Anlässen. Dies bezeichnet Durkheim als Ritual – anders als sein „Kollege“ Arnold van Gennep, der das Thema genauer ausführte und bei dem die Betonung beim Ritual auf dem Übergang zwischen Statussen liegt.
Durkheim’s Interpretation von Totemismus – er sieht ihn als früheste Form von Religion – ist ethnographisch falsch, wie seine Zeitgenossen bald herausfinden. Trotzdem ist er eine perfekte Illustration seiner Lehre, dass Verehrung eigentlich Selbstverehrung ist, mit Hilfe von (religiösen) Symbolen, die für die Gesellschaft stehen.
([1]173-177)

„Le suicide“ – „Die Selbsttötung“ ist ein für die Soziologie bedeutsames Werk Durkheims. Es wurde 1897 herausgegeben und zeigt, dass je nach sozialen Gruppen, Ländern und Religionen verschieden hohe Selbstmordraten bestehen. Durkheim findet heraus, dass der Akt des Selbstmordes oft fremdbestimmt ist und teilt in 3 Arten von Selbstmord: den uneigennützigen, selbstlosen (aufgrund eines übermäßigen sozialen Gefühls), den egoistischen (wegen eines Mangels an sozialem Gefühl) und den Selbstmord aufgrund von Anomie: „when society failed to support the individual amid rapidly occurring crises...“ ([1] 179).
Im Zusammenhang mit dieser Arbeit prägt er den für die heutige Soziologie bedeutenden Begriff Anomie („... Zustand..., der sich aus der Auflösung oder dem Strukturzusammenbruch einer traditionellen Gesellschaft oder aus einer vorübergehenden sozialen Krise ergibt. Die Anomie äußert sich in einem Bruch der Solidaritätsbeziehungen zwischen den Einzelpersonen und führt zum Fehlen der zwischenmenschlichen Bindungen überhaupt.“ [2] 28).

Weitere bedeutungsvolle Werke Émile Durkheims sind Les formes élémentaires de la vie réligieuse (1912) oder Primitive Classification (1903, gemeinsam mit Mauss).

Émile Durkheim revolutionierte die gesamten Sozialwissenschaften in ganz Europa, auch wenn er in manchen Hinsichten kritisiert werden kann. Beispielsweise waren Frauen kein großes Thema für ihn, was sicher auch daran lag, da er, nachdem er keine Feldforschung betrieb, mit den Daten von anderen Personen, Männern, arbeitete [3].
Für die Kultur- und Sozialanthropologie hatte er großen Einfluss auf das Entstehen diverser Theorien. Er prägte sowohl den britischen Funktionalismus als auch den französischen Strukturalismus [4]. Er übte direkten Einfluss auf seinen Neffen Marcel Mauss aus. Außerhalb Frankreichs arbeitete vor allem Alfred Reginald Radcliffe-Brown mit seinen funktionalistischen Ansätzen, der daraus den britischen Strukturfunktionalismus entwickelte. Aber auch andere wichtige Anthropologen bauten auf Themen seiner Lehre (Religion, Ritual, Totem, usw.) auf.
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Quellen:

[1] Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman: One discipline, four ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press 2005
[2] Michel Panoff, Michel Perrin: Taschenwörterbuch der Ethnologie. Dritte, überarbeitete Auflage. Dietrich Reimer Verlag. Berlin. 2000
[3] Vorlesung André Gingrich 16.11.2005
[4] Wikipedia: www.wikipedia.at
[5] dtv-Atlas Ethnologie. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2005

weitere:
- Thomas Hylland Eriksen: Small Places, Large Issues. 2nd Edition. Pluto Press 2001
- Hans Fischer, Bettina Beer: Ethnologie. Einführung und Überblick. 5. Auflage. Reimer Verlag 2003

Bild:

Freitag, Oktober 21, 2005

soy yo

hausaufgaben

hier werd ich meine hausaufgaben fürs geschichte-tutorium machen.
freu mich schon irrsinnig drauf...